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Hinter den Kulissen

Verkuppeln und Loslassen mit Lokrangierführer Willy

Verkuppeln gehört bei Willy zum Arbeitsalltag. Darin ist er ein echter Profi. Dabei arbeitet Willy weder bei einer Heiratsvermittlung noch bei einer Dating-Agentur. Er ist Lokrangierführer bei der S-Bahn München im Werk Steinhausen und verkuppelt täglich unsere Züge miteinander. Seine Hauptaufgabe ist es, die Züge im Werk zu rangieren und sie damit sicher ab- oder bereitzustellen, damit die Lokführer übernehmen und direkt losdüsen können. Wie Willy die über 70 Meter langen Züge verschiebt, sie in die richtige Reihenfolge bringt und auch kleinere Wartungsarbeiten ausführt? Wir durften ihm einen Vormittag lang bei seiner Arbeit über die Schulter schauen.

Erstmal abchecken

Wir stehen neben Willy im Werk Steinhausen, als sein gelbes Handy klingelt. Es ist der Disponent aus dem Werk Steinhausen. Willy soll einen Zug für die Abfahrt bereitstellen. Der Zug muss in diesem Fall von Gleis 10 auf Gleis 15 umgeparkt werden. Zusammen laufen wir über das Gelände und steigen vorne mit in den Führerstand. Der Zug steht schon gut eine Stunde hier. Das heißt für Willy: Er muss erst einmal eine Bremsprobe durchführen. So die Vorschrift. Mindestens 2 Bar Druck müssen beispielsweise auf den Bremsen liegen. Der Lokrangierführer kann das alles am Bordcomputer prüfen. Die Bremsen funktionieren einwandfrei, aber Willy fällt etwas anderes ins Auge …

Trennung auf Knopfdruck

Der vorangegangene Lokführer-Kollege hat eine Störung im Zugsicherungssystem gemeldet und eine entsprechende Meldebestätigung für Willy im Führerstand hinterlegt. Willy prüft den Sachverhalt noch einmal nach und sieht denselben Fehler wie sein Kollege. „Das bedeutet für uns, dass die Anlage nicht betriebsbereit ist“, erklärt er uns. „Dieser Zugteil muss in die Werkstatt.“ Zuerst muss Willy deshalb die beiden Zugteile voneinander lösen. Dafür gibt er zuerst Befehle in den Bordcomputer ein: „Damit der Zug versteht, aus wie vielen Teilen er besteht. Also vorher zwei Teile und nun einer“, kommentiert er und zeigt auf den Bildschirm vor sich. Der gebürtige Erfurter drückt einen Knopf und mit einem lauten Zischen lösen sich die beiden Zugteile voneinander.

Das ewige Hin und Her

Die Werkstatt liegt am Ende des Werks Steinhausen. „Wäre das hier ein Auto, könnten wir jetzt einfach rückwärtsfahren.“ Beim Zug geht das aber nun einmal nicht, weil man ja nicht einfach nach hinten schauen kann. Deshalb laufen wir mit ihm einmal komplett durch den Zug in den Führerstand auf der anderen Seite. Willy fährt die Bahn ein paar Meter vor, dann geht es wieder durch den Zug zum anderen Führerstand und dort wird weiter rangiert … Das „Umparken“ mit einer S-Bahn ist weitaus schwieriger als mit einem Auto, können wir euch sagen! Vor und zurück, vor und zurück, geht’s über verschiedene Gleise, bis wir schließlich vor der Werkstatt angekommen sind. Willy gibt kurz dem Disponenten im Werk Steinhausen Bescheid, dann geht es weiter zum nächsten Zug, der jetzt an den intakten Zugteil angehängt werden muss. Dann kann er die gekuppelten Zugteile auf Gleis 15 für die nächste Fahrt bereitstellen.

Geschickte Hände

Wenn Willy seinen Beruf erklären möchte, nutzt er gerne das Beispiel Autohaus: „Stellt euch vor, der Lokführer ist wie ein Kunde, der gerne eines der Autos Probe fahren möchte. Ich stelle ihm dieses Auto dann gewartet und abfahrbereit zur Verfügung“, erklärt er uns. „Am Ende des Tages bringt der Lokführer uns den Zug dann zurück ins Werk. Wie in einem Autohaus prüfe ich dann zuerst das Fahrzeug auf Funktion und Schäden und stelle es dann ordnungsgemäß ab.“ Dennoch ist das Rangieren nur ein Teil seiner vielseitigen Arbeit. Denn neben den Rangierfahrten schätzt Willy vor allem den technischen Aspekt seines Berufs. Als Lokrangierführer weiß er kleine technische Defekte selbständig zu beheben. Den Neustart der Linienzugbeeinflussung erledigt Willy im Handumdrehen selber. „Die Arbeit als Lokrangierführer ist meiner Meinung nach der beste Technikunterricht überhaupt“, sagt er und öffnet die Abdeckung oberhalb einer der S-Bahn Türen. Mit geübten Griffen und schneller als wir blinzeln können, hat er dort ein kleines Problem behoben.

Überrascht – auch nach Jahrzehnten

Kein Wunder, schließlich arbeitet Willy schon über die Hälfte seines Lebens mit Zügen. Begonnen hat er als Rangierleiter bei der Reichsbahn in der ehemaligen DDR. Trotz der langjährigen Berufserfahrung ist für den Wahlmünchner kein Tag gleich. „Jeder Zug ist für mich eine Überraschung. Ich weiß nie, was mich erwartet. Das macht den Beruf für mich einzigartig und besonders“, sagt er mit einem Lächeln und macht sich in Richtung des nächsten Zuges auf. Bei so viel Passion sind wir uns sicher: Verkupplungsprofi Willy wird für immer mit seinen Zügen zusammenbleiben. Nach so viel Treue sucht man auf manchen Dating-Portalen vergebens …