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Betrieb & Technik

Ohne ihn bewegt sich nichts – ein Tag mit Fahrdienstleiter Selim

Vielleicht ist es euch schon einmal ins Auge gefallen: das runde Gebäude an der Donnersberger Brücke in München. Dort befindet sich die Betriebszentrale München der DB Netz AG und gleichzeitig auch der Arbeitsplatz von Fahrdienstleiter Selim. Was ein Fahrdienstleiter so macht und wie viele Bildschirme und Gleise er gleichzeitig überwachen muss? Wir durften Selim einen Tag lang bei seiner Arbeit über die Schulter blicken und haben uns das komplexe System erklären lassen.

Wie ein Weltraumbahnhof, nur mit Zügen

Wir betreten die Betriebszentrale und staunen nicht schlecht, als uns gefühlt Hunderte von Bildschirmen mit Linien und Zeichen entgegen leuchten. Die Fenster sind abgedunkelt, ab und an klingelt es an einem der vielen Schreibtische, die hier auf der ganzen Fläche in runden Gruppen verteilt sind. So oder so ähnlich könnte es auch in einem Weltraumbahnhof aussehen, kurz bevor das Space Shuttle zum Mond abhebt – zumindest in unserer Fantasie. Selim und seine Vorgesetzte, die Bezirksleiterin Betrieb, Nicole, nehmen uns herzlich in Empfang und führen uns in dem runden Raum zu Selims Arbeitsplatz. Neun Bildschirme und ein weiterer für die Telefonanlage überwacht der 31-Jährige hier. Selim deutet auf die Bildschirme mit Linien, Zeichen, Dreiecken und unterschiedlichen Farben: „Ich überwache aus der Ferne das Stellwerk in Neufahrn (bei Freising)“, erklärt er uns, „und gebe unter anderem den Lokführern das O.K., wenn sie weiterfahren dürfen.“ Wir versuchen etwas auf den Bildschirmen zu erkennen – verstehen aber gerade irgendwie nur (S-)Bahnhof.

Alle Zugbewegungen im Blick

Selim nimmt uns zur Seite und erklärt geduldig, was eigentlich zu sehen ist: „Die unteren Bildschirme zeigen die schematische Übersicht des Bedienbereichs Neufahrn, kurz: die Bereichsübersicht. Die Bildschirme im oberen Bereich sind die sogenannte ‚Lupe‘, also die detaillierte Ansicht. Die gelben Linien stellen Gleise dar, rot sind die Züge und grün ist die Fahrstraße, also die Trasse. Die Dreiecke sind die Signale und funktionieren wie eine Ampel. Also rot stehen bleiben, grün starten.“ Mithilfe dieser Signale kann Selim jede Zugbewegung, alle Bahnübergänge und sämtliche Weichenstellungen überwachen. Dabei steht er im ständigen Kontakt mit den Lokführern. Etwa so, als ob wir im Auto immer jemanden dabei hätten, der uns sagt, welche Straße gerade frei ist, ob wir losfahren dürfen, wo ein Parkplatz für uns vorgesehen ist, und der uns elektronisch steuert, wenn wir an einer Stelle halten müssen, um mit keinem anderen Auto zusammenzustoßen. Nur, dass Selim nicht ein Auto überwacht, sondern eben alle Züge, die in diesem Moment im Gebiet um den Bahnhof Neufahrn unterwegs sind.

Ohne sein Go bleibt alles stehen

Während Selim uns dieses unfassbar komplexe System erklärt, wandern seine Augen blitzschnell über die Bildschirme. Er klickt, er tippt, er telefoniert – nonstop. Denn, und das ist nicht übertrieben: Ohne Selim könnten die Züge nicht starten. Sie brauchen das ‚Go‘ des jeweiligen Fahrdienstleiters. Und davon gibt‘s viele. Denn hier in der Betriebszentrale München der DB Netz AG werden nicht nur unsere S-Bahn Stellwerke wie das ESTW Dachau (ESTW = Elektronisches Stellwerk), ESTW Südwest (S8, S4, S6 in Westrichtung), Neufahrn oder die Stammstrecke München-Pasing überwacht, sondern auch einige Bahnhöfe in ganz Bayern – z. B. Ingolstadt Nord, Rosenheim oder Würzburg Rbf (Rangierbahnhof). Dafür braucht es eine ganze Menge Fahrdienstleiter. 150 Kollegen hat Selim insgesamt, die sich in drei Schichten abwechseln, um 24 Stunden, sieben Tage die Woche, unsere Züge zu bewegen. Bei Selim sind es schätzungsweise mehr als 100 S-Bahn Züge am Tag. Aber wirklich gezählt hat er sie noch nie.

Höchste Konzentration und schnelles Handeln

Wenn es zu Störungen im Betrieb kommt, sei es wetterbedingt, durch Personen auf den Gleisen oder durch technische Defekte, heißt es für Selim und seine Kollegen: höchste Konzentration und schnelles Handeln. „Wir müssen in kürzester Zeit ein Störfallkonzept umsetzen, um den Betrieb trotz Störung aufrecht zu erhalten“, erklärt er uns. „Das kann auch bedeuten, dass S-Bahnen umgeleitet oder Takte ausgedünnt werden müssen.“ Kann beispielsweise eine Weiche nicht gestellt werden, weil sie durch zu viel Schnee blockiert ist, ruft Selim spezielle Winterkräfte zu Hilfe, die die Stelle freischaufeln. Bei einer Meldung über Personen im Gleis muss er schnell entscheiden, ob die S-Bahnen im Schritttempo weiterfahren dürfen oder erst einmal anhalten müssen. „Bei spielenden Kindern zum Beispiel legen wir natürlich erst einmal alles still, bis die Gefahr gebannt ist und die Kinder in Sicherheit sind.“ Bei technischen Problemen holt sich Selim Hilfe durch Techniker, um das Problem schnell lösen zu lassen.

Aufstehen und gehen – Geht das so einfach?

Aber wie ist das eigentlich, wenn Selim seinen Arbeitsplatz während der Schicht mal verlassen muss? Wie schafft er es bei der Nonstop-Überwachung zum Beispiel mal auf die Toilette gehen zu können? Ist ja schließlich menschlich … „Dann muss ein Kollege übernehmen. Meine Kollegen, welche auf den anderen Stellwerken arbeiten, haben immer ein offenes Ohr und unterstützen mich, wo sie können. Früher mussten wir jedes Signal, jede Weiche, also alles manuell umstellen, heute unterstützt uns die Technik etwas. Aber ohne den Menschen dahinter würde nichts gehen“, erzählt Selim. Seine Arbeit fordert nicht nur ein hohes Maß an Konzentration, sondern auch absolute Genauigkeit. Jeden einzelnen Schritt, jede Entscheidung, die er während seiner Schicht fällt, muss er dokumentieren, digital und analog.

Viel Verantwortung und ein tolles Team

So souverän wie Selim arbeitet, könnte man meinen, dass er sein Leben lang schon Fahrdienstleiter ist oder eine Ausbildung zum Eisenbahner im Betriebsdienst absolvierte. Aber nein. Das Münchner Kindl hat eigentlich Energieelektroniker für Betriebstechnik bei der S-Bahn gelernt. Doch er entschied sich für den Quereinstieg. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat, sagt er und lächelt dabei zufrieden: „Ich liebe das komplexe System und die große Verantwortung, die ich trage“. Langeweile oder monotone Arbeit sind für Selim ein Fremdwort, denn kein Tag ist wie der andere. „Zudem habe ich ein supertolles Team und schätze unseren Zusammenhalt sehr, auch mit unseren Vorgesetzten. Das Gefühl, dass ich alles bewege und steuere, ist unbeschreiblich und einfach wunderbar.“ Dann wendet sich Selim schnell wieder konzentriert seinen neun Bildschirmen zu. Denn ohne ihn würde sich ja sonst nichts bewegen.