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Gebisse, Rollstühle und Goldfische – ein Besuch im DB-Fundbüro

Merve Efe trägt einen silbernen Alu-Koffer zum Schalterfenster. Noch bevor sie den Mann auf der anderen Seite fragen kann, fängt sein Gesicht an zu strahlen. Er hat seinen verlorenen Koffer wieder – und Merve hat wieder einen Fahrgast glücklich gemacht. Die junge DB-Mitarbeiterin kümmert sich am Hauptbahnhof um die Fundsachen, auch um die aus unseren S-Bahnen. Was Gebisse, ein Rollstuhl und Goldfische gemeinsam haben? Sie sind nur einige von vielen skurrilen Dingen, die nicht nur während der verrückten Wiesnzeit im DB-Fundbüro im Hauptbahnhof abgegeben werden.

Ein bisschen Detektivarbeit

Staunend gehen wir mit Merve entlang der gefüllten Regale vorbei. Koffer, Taschen, Gitarren, Yogamatten, Fahrräder, komplette Trachtenoutfits und andere, teils kuriose Sachen haben sich hier angesammelt und warten auf ihre Besitzer. Bis zu sieben Tage werden die Gegenstände gelagert. In dieser Zeit versuchen Merve und ihre Kollegen des DB-Fundbüros alles, um die Eigentümer aufzuspüren. Das ist fast ein bisschen wie Detektivarbeit. „Ich möchte dem Fahrgast helfen, deshalb suche ich so gut es geht nach Informationen, die uns zu ihm führen könnten“, sagt Merve und zeigt auf ein Kärtchen mit Namen und Adresse, das an einem der Koffer hängt. So kann sie den Fund einfach ins System eintragen. Nicht immer wird es ihnen aber so leicht gemacht. Kann die Kauffrau für Verkehrsservice das Fundstück keinem Namen und keiner Adresse zuordnen, wird der Gegenstand im System mit den Verlustmeldungen verglichen. Lässt sich auch dann niemand ausfindig machen, schickt sie das Fundstück nach einer Woche Lagerzeit in das zentrale DB-Fundbüro in Wuppertal. Dort verbleibt er noch weitere vier Wochen. Meldet sich bis dahin der Besitzer des Gegenstands nicht, kommt das Stück in die Versteigerung.

Viele Fundsachen – nur einige Abholer

Wir schauen uns weiter um: hunderte kleine und große Fundsachen, die sich innerhalb von nur einer Woche angesammelt haben. Darunter eine Kiste voller Tablets, eine Tasche mit bemalten Leinwänden, zig Mobiltelefone und Geldbeutel. Ob die Sachen nicht sofort vermisst werden? „Schätzungsweise zwischen 50 bis 60 % werden abgeholt oder von uns verschickt, wenn der Eigentümer ermittelt werden konnte“, erzählt Merve. Langeweile kennt sie nicht, denn kontinuierlich trudeln neue Fundstücke ein. Ungefähr zwei Drittel der Fundsachen im DB-Fundbüro kommen von der S-Bahn München. Kein Wunder, denn täglich sind bis zu 840.000 Fahrgäste im S-Bahn Netz unterwegs. Spannend, aber auch lustig wird es für das Team, wenn sie die Koffer durchsuchen müssen. „Einmal haben wir einen Koffer voller Love Toys, Peitschen und Dessous gefunden“, erzählt Merve schmunzelnd. „Ein anderes Mal landete ein herrenloser Rollstuhl bei uns. Der und die Gebisse sind mir bis heute ein Rätsel …“

Tierisch was los

Mit Rätselhaftem kennt sich auch ihr Kollege Peter Mühlebach aus. Er arbeitet schon seit 47 Jahren für die Deutsche Bahn und hat in dieser Zeit natürlich so einige verrückte Fundgeschichten miterlebt. „Das ist schon lange her, aber es wurde tatsächlich einmal ein Beutel mit Goldfischen abgegeben“, erinnert er sich amüsiert. Weniger lustig, dafür umso kurioser, fand er den Fund von drei Kaninchen in einem der Schließfächer. „Wir konnten nie herausfinden, von wem die waren, aber eine fürsorgliche Kollegin hat sie zu sich genommen.“ Danach wendet er sich seinem PC zu – eben wurde ein Handy abgegeben. Der Fund muss in das System eingetragen werden. Und zwar so detailliert wie möglich, um die Chance zu erhöhen, dass es bei einer Anfrage von den Kollegen gefunden und ausgehändigt werden kann.

Leuchtende Augen und große Dankbarkeit

Wenn die verloren geglaubten Wertsachen ausgehändigt werden – Das seien die schönsten Momente in ihrem Job, erzählen uns Merve und ihr Kollege. „Die Dankbarkeit, die die Leute uns dann gegenüber äußern, das motiviert uns echt jeden Tag aufs Neue“, resümiert sie. Deshalb geben sie auch so schnell nicht auf und vergleichen die Verlustmeldungen immer wieder mit den Fundsachen im Lager. Auch während unseres Besuchs. Und siehe da: Die Beschreibung des vor uns liegenden Koffers passt genau zur Meldung! Merve hat den Besitzer ermitteln können. In solchen Momenten empfindet sie pure Freude, das merken wir ihr deutlich an. „Es ist das schönste Gefühl, wenn ich jemanden gefunden habe.“ Schon wenig später werden wir Zeuge, wie der Besitzer sein Gepäckstück glücklich und mit folgenden Worten entgegennimmt: „Dankeschön! Ich bin so froh, dass es Sie gibt. Hoffentlich hören Sie das ganz oft."